Mittwoch, 14. Oktober 2015

von frottee, damast und den webern


als wir letzte woche in der oberlausitz unterwegs waren, haben wir uns auch das "deutsche damast- und frottiermuseum" in großschönau angesehen. die textilindustrie hat dort eine lange tradition. von 1666 bis 1933 wurde dort echter damast hergestellt. "auf zeitweise fast 1000 zugwebstühlen fertigten fleißige weber vor allem kostbare tischwäsche. zu den abnehmern gehörten vorwiegend adel und kirche in ganz europa." (aus dem infoblatt des museums).
auch die frottierweberei hat dort eine lange tradition. 1856 wurde in großschönau der erste frottierhandwebstuhl in betrieb genommen. die meisten weber nagten jedoch am hungertuch, kinderarbeit war normalität, die arbeitsbedingungen waren katastophal - vergleichbar mit den heutigen in bangladesch, indien und anderswo auf der welt. (siehe auch unten!)


natürlich passt der besuch dort perfekt zu frau müllerins musterthema im oktober: textiles! ich hab euch ein paar bilder und ein paar muster von dort mitgebracht.


hier wurde und wird noch heute damast gewebt. die blauweißen servietten kann man im museum als mitbringsel erstehen.


frotteeweberei




die lochkarten werden nach zeichnungen einzeln für muster erstellt, dann aneinandergenäht und laufen danach automatisch durch den webstuhl. heute entstehen an diesem alten webstuhl handtücher für touristen. wenn die maschinen laufen ist der lärm unbeschreiblich. die weber  mussten das zu zeiten der industrialisierung 13 stunden und mehr am tag ertragen!

schon zu allen zeiten wurden muster in frotteestoffe gewebt.





schöne details - mit den unteren rollen werden bänder für springseile gewebt

 
 ein paar muster, die ich im museum entdeckt habe

wer interesse an der geschichte der oberlausitzer textilindustrie hat, findet hier informationen dazu. ein zitat daraus, das mich sehr nachdenklich gemacht hat: "Von 1990 bis 1992 sank die Zahl der Beschäftigten in der Textilindustrie von ca. 215.000 auf 25.000. Durch diesen Rückgang verlor die Oberlausitz ihre über Jahrhunderte bedeutsame Position in der Textilindustrie".




die lochkarten haben mich inspiriert, eine bereits angefangene schachtel weiter zu gestalten und mal wieder zu nadel und stickgarn zu greifen.




"pfeilring solingen"
16 x 9 cm
materialien: pappschachtel, spielchip, lochpappe, stickgarn, acrylfarbe


mehr textile muster heute wieder wie jeden mittwoch bei frau müllerin!


noch ein kleiner anhang:
 
Die schlesischen Weber

Heinrich Heine


Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
"Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Götzen, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!"
(1844)
zur entstehung und geschichte von heinrich heines gedicht findet ihr hier die hintergrundinformationen. ebenso passend zum thema ist auch gerhard hauptmanns drama "die weber", dass den aufstand der schlesischen weber gegen unmenschliche lebensbedingungen zum inhalt hat. 


Kommentare:

Sheepy hat gesagt…

Ein wirklich interesssanter Post, danke dafür und auch für das Gedicht, welches wir in der Schule noch lernten.
LG Sheepy

Müllerin Art hat gesagt…

Liebe Mano,
herzlichen Dank für deinen ausführlichen Museumsbericht und die vielen Hintergrundinformationen zur Textilindustrie! Das passt ja perfekt zum Monatsmusterthema. Wie schön, dass du jetzt schon deine Ausflüge auf mein Thema abstimmst! Das Lochkartensystem faziniert mich ungemein, das ist der Anfang der Computer! Wie der Frottee dann kuschelig wird, habe ich aber noch nicht verstanden.
Ich könnte mich jetzt in deinen Links verlieren, aber ich muss arbeiten...
Grüße von Michaela

frau nahtlust hat gesagt…

Wie schön, und da wäre ich auch gerne mit dabei gewesen bei dem Besuch! Danke fürs Teilhaben lassen nun auf die virtuelle Art und die vielen Gedanken dazu! Toll, wenn auch so ein Beitrag den Mustermittwoch ergänzt! Sehr spitze!
LG. Susanne

jahreszeitenbriefe hat gesagt…

Da muss ich doch mal hin..., kommt gleich in den Reise- und Ausflugsspeicher. Das weiße Waffelmuster erinnert mich an alte Handtücher, die wir wohl auch mal hatten, oder die Schwiegermutter... Jedenfalls hatte ich die schon in der Hand. Heines Weber haben wir in der Schule gelernt. Ich habe es geliebt Gedichte zu rezitieren und mit den Webern die halbe Klasse zu Tränen gerührt. Gerhart Hauptmann erinnert mich jetzt natürlich an Hiddensee. Und die Weber an Grafiken von Käthe Kollwitz auf ihrem Zyklus "Der Weberaufstand". Ja, der Niedergang der (nicht nur sächsischen) Textilindustrie in Deutschland, die unsäglichen Zustände in Textilfabriken im Ausland - wieviel das mit der aktuellen Situation und unseren Konsumgewohnheiten zu tun hat, machen wir uns oft gar nicht klar. Ein beziehungsreicher Musterbeitrag, liebe Mano! Herzliche Grüße, besonders auch in die frische leuchtendrote Pfeilring-Schachtel - Ghislana

lisa kötter hat gesagt…

Sehr spannend, der Museumsbesuch. Ich liebe solche Museen und bewundere die Mechaniker, die diese Maschinen bauten. Im Tuchmachermuseum Bramsche erzählte mir neulich der "Hausmeister" welche Freude es macht, diese alten Maschinen zu warten. Weil man sie verstehen kann. Und weil nichts wirklich kaputt geht, höchstens sich verstellt. Man kann sie immer wieder zum Laufen bringen.
Dein Stickkästchen ist rot-schön. Du Farbenmixerin!
Herzliche Lisagrüße

Lucia hat gesagt…

Liebe Mano,
als das textile Monatsthema von Manuela verkündet wurde, dachte ich, jetzt ist es Zeit, endlichmal ins Museum nach Großschönau zu fahren. Sind ja nur 20 Km von hier aus. Aber du warst schneller!!! Sehr schön, dein Spatziergang und die Gedanken und Informationen. Weniger schön ist natürlich das Verschwinden der Textilindustrie hier.
Herzliche Grüße aus der Oberlausitz. von Lucia

Lykke hat gesagt…

wie spannend und interessant! danke für den ausflug, da muss ich auch mal hin. wir hatten in unserem dorf auch eine kleine weberei, der wir kinder manchmal eine besuch abstatteten und fasziniert vor den vielen fäden und den lauten geräuschen vor den großen webstühlen standen.
macht mich ein bisschen wehmütig. liebe grüße, wiebke

Nicole/Frau Frieda hat gesagt…

Gibt es was kuscheligeres als Frottee? Ich denke nicht ;) umso schöner seine Geschichte zu lesen.. vielen Dank für die intersante Führung!! Herzlichst, Nicole

Astrid Ka hat gesagt…

Das Schicksal der deutschen Textilindustrie hat ja nicht nur den Osten massiv getroffen, auch hier im Westen hat es arge Einbrüche gegeben in der Krefelder Region, die ja führend in der Seiden- und Samtproduktion war. Ich erinnere mich noch daran, dass ich vor Jahrzehnten schöne Reste auf dem hiesigen Markt ergattern konnte...
Toll finde ich deine Idee mit der Lochkartenstickerei. Die ist hier im Hause bei Jungen wie Mädchen noch sehr beliebt.
LG
Astrid

Birgitt hat gesagt…

...eine sehr interessanter und nachdenklich stimmender Post, liebe Mano,
ich war zwar schon in der Lausitz, aber in diesem Museum nicht...schön, deine Beispiele der Webkunst, die erinnern...

lieber Gruß Birgitt

Luis Das hat gesagt…

Ein interessanter und informativer Museumsbesuch, der die Textilherstellung längst vergangener Tag noch einmal aufleben läßt !!
Schönen Gruß,
Luis

Holunder hat gesagt…

Ein spannendes Museum! Ja, so manches sollte man sich bewusst machen, wenn man zu Handtüchern, Tischdecken, Bettwäsche greift...
Liebe Grüße
Andrea

mila hat gesagt…

Das ist interessant. Und das Gedicht kannte ich noch gar nicht. Ich habe gerade ein Buch über das Stickhandwerk in England im 19. Jahrhundert gelesen - damals ein riesiger Markt mit vielen (teils sehr schlecht bezahlten) Arbeitsplätzen für Frauen. Und da ist mir der Aspekt, den du ansprichst, wieder einmal sehr klar geworden, dass wir heute die miesen Arbeitsbedingungen nur weiter weg ausgelagert haben, dass es sie aber immer noch gibt. (Schöne Schachtel!) LG mila

kaze hat gesagt…

Ein so schöner Post! Der Besuch dieses Museums habe ich noch unbedingt vor.Die Damastteile sind so schön! Die Textilindustrie war in dieser Ecke der einzige große Arbeitgeber, das waren extreme Einschnitte.
Wenn man einmal so einen Webstuhl in Aktion erlebt hat, kann man kaum glauben, dass viele Menschen Stunden in diesem Lärm verbracht haben.
Gwebte Grüße schickt Karen

Tabea Heinicker hat gesagt…

schön. ein ausflug - ja und das drumherum ist auch reichlich musterhaft!

zu drüben: es soll ja auch menschen geben, die lesen auf dem fensterbrett hockend. die kombinieren sozusagen den blick aufs wetter mit der lektüre.

die tabea grüßt

Zwischendurch hat gesagt…

Wie wenig wir heute noch über die alten handwerklichen Produktionen wissen - das wird hier wieder einmal bildhaft klar. Dabei umgeben uns Textilien von Anfang unseres Lebens bis zum Schluss. Man sollte sie mehr ehren und die vielen lauten und mühsamen Schritte bis zum fertigen Stoff bedenken. Tolle Führung, danke.
Lieber Gruß, Elvira

Lily hat gesagt…

Herzlichen Dank für diesen interessanten Einblick und die tollen Fotos! Ich habe das Museum (und auch Deine Beschreibung) in meiner textilen Ausflugskarte verlinkt - vielleicht hast Du Lust einen Blick zu werfen: https://www.google.com/maps/d/edit?mid=zpsL0_ctLZ64.kpQv0kng_jLA

Lass mich wissen, falls Du noch weitere Ideen hast, die nehme ich gerne auf.

Liebe Grüsse vom Wullechneuel

Suza hat gesagt…

Wunderschön. Ein wirklich interessanter Post. Und so ein schönes Gedicht.
Liebe Grüße
susa

Suza hat gesagt…

Wunderschön. Ein wirklich interessanter Post. Und so ein schönes Gedicht.
Liebe Grüße
susa

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